Suche
Übersicht WIRKUNGSGRAD: Klima, Kohle, Kapital: Strategien für eine globale Energiewende
30. November 2016

WIRKUNGSGRAD: Volk ohne Wagen? Zukunftsszenarien von Prof. Dr. Rammler

Stadtplanerin und Verkehrsexpertin Sabine Nallinger sprach mit dem renommierten Mobilitäts- und Zukunftsforscher Stephan Rammler über Wege in eine neue Mobilitätskultur. Auf der WIRKUNGSGRAD Veranstaltung am 28.11. in der orange bar gab Rammler vor gut 100 interessierten Besuchern einen spannenden Überblick über die Entwicklungstrends der Mobilität – stellte aber auch fest, dass wir noch ganz am Anfang des Ausstiegs aus der uns bekannten Automobilität stehen.

Sabine Nallinger und Prof. Dr. Rammler im Rahmen der Themenreihe Wirkungsgrad Foto: Tobias Hase

Städte sind der Schlüssel für einen Wandel der Mobilitätskultur

Im Jahre 2050 werden aller Voraussicht nach mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Unter dem zunehmenden Dichtestress der Urbanisierung wird sich das Gesicht der Mobilität verändern. In Asien haben in vielen Städten das enorme Wachstum und das damit einhergehende Verkehrsaufkommen eine Verschmutzungsdimension geschaffen, die in westlichen Staaten in diesem Grad noch unbekannt ist. In radikalen Überlegungen werden Lösungen gesucht, die dennoch auch in Europa zu einer Verbesserung führen können, denn auch hier stehen einige Städte kurz davor, vom europäischen Gerichtshof für ihre gesundheitsschädlichen Emissionswerte verklagt zu werden. Hierin zeigt sich aber auch der Widerspruch: einerseits fordern die Bürgern weniger Emissionen, andererseits steigen gleichzeitig die PS-Zahlen bei privatgenutzten PKWs kontinuierlich an. Diese kognitive Dissonanz zeigt sich auch bei Automobilherstellern. Durch harte Lobbyarbeit werden nachhaltigere gesetzliche Rahmenbedingen verhindert, die andererseits gefordert werden. Auch in der Politik ist diese Zerrissenheit zu beobachten. Es geht aber nicht darum einen Schuldigen zu finden sondern kooperative Politikmodelle zu erarbeiten und alle Akteure an einen Tisch zu bekommen.

Mobilität im Goldenen Käfig

Unser Verkehrsraum hat sich über die letzten 120 Jahre entwickelt und ist im Wesentlichen gekennzeichnet durch drei Eigenschaften: selbst besitzen, selbst fahren und der Verbrennungsmotor. Ein Goldener Käfig, den wir uns selbst gebaut haben und aus dem es schwierig ist, wieder auszubrechen, da wir dafür unsere bisherigen Gewohnheiten aufgeben müssen.

Rammler ist kein Fanatiker oder Fantast: „Ich will nicht, dass die Leute gar nicht mehr Auto fahren. Sie sollen aber anders Auto fahren“. PKWs im Privatbesitz stehen heute im Durchschnitt 23 Std. am Tag und das zumeist im öffentlichen Raum. „Ein irrationaler Luxus, der in der zukünftigen Mobilitätswelt so nicht weiter aufrechtzuerhalten ist“, so der Mobilitätsforscher. In Ballungsräumen wie München mit ca. 700.000 zugelassenen Autos ist der motorisierte Individualverkehr ein Hauptreiber für die Flächenkonkurrenz. Dazu kommt, dass der urbane Güterverkehr enorme Zuwächse hat. Eine Schlüsselrolle kann dabei das Fahrrad spielen.

Das Fahrrad wird neu erfunden

Kopenhagen hat das früh erkannt und viel für die Radverkehrsförderung getan – mit Erfolg. 33 Prozent beträgt der Anteil der Radfahrer auf der Straße. In München beträgt der Anteil dagegen nur 17 Prozent. Städte können hier den Unterschied machen, aber dafür braucht es Mut und Überzeugung.

Zukunftsszenarien, müssen nicht gegensätzlich sein

In Zukunft werden die Fahrzeuge nicht mehr im altbekannten Modus des massenhaften Privatbesitzes betrieben, sondern als automobile Dienstleistungen. Dabei treten drei zentrale Zukunftsstrategien gegeneinander an. Rammler sprach sich abschließend für eine Mischung aus Technologie- und Lebensstilveränderung aus und warnte vor der Gefahr der Rebound-Effekts, die mit Technologiefortschritten einher geht. Um unseren Lebensstil zu verändern, brauchen wir vielleicht einfach mehr  „urbane Labore“, in denen man sehen und erleben kann, wie etwas Neues und Positives entsteht. Die Lösung muss nicht immer hoch technologisiert sein, wir müssen einfach nur damit anfangen. Empfehlungen zur Nachahmung gibt es viele.

Erfahren Sie auf Green City Life weitere Gedanken zur Zukunft urbaner Mobilität von Prof. Dr. Stephan Rammler.

Unterstützung für Bürgerbegehren für saubere Atemluft in München

Zur Abrundung des Abends verwiesen die Referenten auf Bürgerbeteiligung, um die Akzeptanz für die Verkehrswende zu schaffen. In diesem Rahmen betonte Sabine Nallinger auch, wie wichtig das Gelingen des Bürgerbegehrens für saubere Luft in München sei und bat um Unterstützung  von „Sauba sog i“- dem Reinheitsgebot für Münchner Luft.

Jetzt mitmachen!

Impressionen von der WIRKUNGSGRAD-Veranstaltung "Volk ohne Wagen?" (Fotos: Tobias Hase)

/* */