Ein Thema, das mit neuen Rekordtemperaturen und drohender Trinkwasser-Knappheit in München im Sommer 2026 eine neue Dringlichkeit erhalten hat. Hitze in der Stadt. In einem Interview sprechen wir mit der Soziologin Amelie Bauer, wie wir als Gesellschaft mit der Hitze umgehen können und wie unterschiedlich wir Menschen uns an Hitze anpassen können.
Amelie Bauer kommt mit dem Fahrrad angefahren. Der Treffpunkt: Ein kleiner grüner Park in der Nähe ihres Arbeitsplatzes, dem Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bauer arbeitet seit fast zehn Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät und hat sich in ihrer Forschung unter anderem damit beschäftigt, wie die Gesellschaft mit Hitze umgeht.
Passend zu den Temperaturen versuchen wir, das Gespräch so gut es geht im Schatten zu führen, denn es ist Ende Mai und schon sehr heiß.
Green City e.V.: Amelie, Du hast dich in deiner Forschung auch damit beschäftigt, wie Münchner*innen mit der Hitze in der Stadt umgehen. Was ist Dir dabei aufgefallen?
Amelie Bauer: Ich fand es sehr spannend, wie wichtig den Menschen schon kleine grüne Orte sein können, an denen sie sich ausruhen und erholen können. Ein einfacher schattiger Sitzplatz unter einem Baum reicht oft aus.
Und was auch aufgefallen ist: Wir konnten gar nicht pauschal sagen, welche Menschengruppe besonders von Hitze belastet ist. Man würde erstmal denken: Leute, die in besonders dicht bebauten Orten wohnen oder in einer Risikogruppe für Hitze sind – wie alte Menschen oder auch Kinder – sind besonders belastet.
Dabei übersieht man aber, es kommt auch auf die individuelle Sitution drauf an. Ein Fahrradkurier kann sich zum Beispiel nicht aussuchen, wo entlang er fährt und ist der Hitze auf breiten Straßen einfach ausgesetzt. Eine wohlhabende Rentnerin kann im Auto zum Badesee fahren oder sich in einer Eigentumswohnung Jalousien einbauen lassen. Obwohl also die Rentnerin in der Risikogruppe wäre, kann sie sich besonders gut anpassen.
Ich fand es sehr spannend, wie wichtig den Menschen schon kleine grüne Orte sein können, an denen sie sich ausruhen und erholen können. Ein einfacher schattiger Sitzplatz unter einem Baum reicht oft aus.
Amelie Bauer, Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München
Wenn ich es mir also aussuchen kann, was wären deine Tipps, gut mit der Hitze klar zu kommen?
Vor allem: Den Tag entschleunigen, sich im Schatten aufhalten oder im Büro einen Tischventilator aufstellen. Ganz viele Tipps kann man auch im Hitzeknigge vom Umweltbundesamt finden. Mein Vater hat sich den auch einmal angeschaut und gute Tipps für sich rausziehen können – ein kaltes Handtuch auf dem Ventilator zum Beispiel ist so ein Kniff, den ich gut finde.
Und was denkst Du zum Thema Klimaanlagen?
Erstmal verbrauchen Klimaanlagen ja Strom und wenn wir ausschließlich erneuerbare Energien hätten, hätten wir da schon mal ein Problem weniger. Aber trotzdem sollten wir natürlich versuchen, den Stromverbrauch zu reduzieren.
Ich denke, dass sich in der Architektur, aber auch bei den Bauherren etwas ändern muss. Wenn wir neue Gebäude bauen, die müssen einfach ohne Klimaanlage funktionieren können. Und wenn wir uns ganz viel Neubau anschauen, vor allem Bürogebäude, diese moderne Glasfassadenarchitektur, die ist unmöglich ohne Klimaanlage. Also da muss wirklich ein Umdenken stattfinden. […]
Im Bestand sollten wir, wo es geht, schauen, dass wir mit Maßnahmen ohne Strom oder ohne Energieverbrauch auskommen, also zum Beispiel Außenverschattung, Nachtlüften, Ventilatoren. Und wenn es gar nicht anders geht als zu klimatisieren oder wenn schon eine Klimaanlage verbaut ist, dann könnte man sie statt über den ganzen Tag nur in den zwei Stunden von 12:30 Uhr bis 14:30 Uhr laufen lassen. Das würde auch schon viel Strom einsparen. Und dann finde ich, dass wir uns auch gesellschaftlich fragen sollten: Wo ist Klimatisierung wirklich nötig?
Das Allerwichtigste ist natürlich erstmal, die alten Bäume zu erhalten.
Amelie Bauer, Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München
Du hast das Thema Neubau angesprochen. Es gibt in der Politik immer wieder den Diskussionspunkt: Nachverdichtung aufgrund von zu wenig Wohnungen versus. Grün erhalten. Was ist Dein Take dazu?
Es gibt natürlich schon in der Stadt auch noch Situationen, wo man bauen und begrünen kann. Zum Beispiel denke ich an Innenhöfe, wo nur Garagen sind oder alte Werkstätten. Da kann man entsiegeln, vielleicht noch Wohnungen bauen und aber auch begrünen. […] Das Allerwichtigste ist natürlich erstmal, die alten Bäume zu erhalten, weil so ein alter Baum einfach viel effizienter kühlen kann und CO₂ binden kann. Wenn ich Bäume abholze, baue und dann die gleiche Menge an Bäumen nachpflanze, dann hat das nicht die gleiche Wirkung.
Aber wenn diese Bäume dann auch noch auf einer Tiefgarage stehen, dann können die gar nicht groß genug werden, um überhaupt etwas für das Mikroklima zu tun. […] Das ist wirklich nicht nur so ein Konflikt zwischen Wohnungen und Grün, sondern eben auch ein ganz wichtiger Konflikt zwischen Autostellplätzen und Grün. […] In der Bayerischen Bauordnung ist der Stellplatzschlüssel von einem PKW pro Wohneinheit festgeschrieben. Aber in München sind wir ja so super angebunden, dass man das in vielen Fällen gar nicht braucht. Dieser Stellplatzschlüssel von einst sollte auch in Zukunft wirklich verhandelbar sein.
Danke an Amelie Bauer, dass sie sich die Zeit für ein Interview mit uns genommen hat. Hast Du nun auch das Bedürfnis mehr über die Möglichkeiten zu Fassadenbegrünung, Entsiegelung und Co. zu erfahren, melde dich gerne bei unserem Begrünungsbüro.