Abpflastern – Jeder Quadratmeter zählt

Städtischer Backofen – Wenn die Hitze keinen Ausweg lässt

Du verlässt das Haus. Blauer Himmel. Keine Wolke in Sicht. Obwohl es noch früh am Tag ist, schlägt Dir sofort die Wärme entgegen. Zum Glück hast Du Dich heute für luftige Kleidung entschieden und alles Wichtige schon erledigt. Ein freier Tag! Auf zur Isar, das gute Wetter genießen und sich etwas abkühlen. Dort angekommen lächelt Dich ein schattiger Platz unter einem Baum an.

Nach Sonnenuntergang wird es plötzlich frisch. Mist, Jacke vergessen! Also auf nach Hause. Nach ein paar Minuten bist Du schon auf der Reichenbachbrücke, Du gehst ein paar Meter und plötzlich fällt Dir auf, dass Du gar nicht mehr frierst. „Das wird wohl an der Bewegung liegen“, denkst Du, doch je weiter Du läufst, um je mehr Ecken Du biegst, desto wärmer wird es. Ganz verwundert kommst Du zu Hause an und beginnst zu recherchieren:

Warum entsiegeln?

Gefangen in der Wärmeinsel
Du stößt auf den Begriff Wärmeinseln. Er beschreibt meist urbane Gebiete, die sich gegenüber dem Umland stark aufheizen und diesen steinernen Hitzestau in der Nacht festhalten. Je nach Wetterlage sind nachts Temperaturunterschiede von bis zu 9 °C zwischen dem Münchner Stadtgebiet und der ländlich geprägten Umgebung möglich. Das führt vermehrt zu sogenannten Tropennächten, in denen die Temperatur nicht unter 20 °C sinkt. Da der menschliche Körper für einen erholsamen Schlaf idealerweise Temperaturen zwischen 16 und 18 °C benötigt, wird die nächtliche Regeneration nahezu unmöglich. Schlaflose Nächte häufen sich und die anhaltende Hitzebelastung lässt die Gesundheit der Bewohner*innen leiden. Wie extrem dieser Effekt ist, zeigt ein direkter Vergleich in München: In der dicht bebauten und zu 90 Prozent versiegelten Maxvorstadt liegt die durchschnittliche sommerliche Nachttemperatur bei 24,8 °C. Im wesentlich grüneren Bogenhausen sind es hingegen nur 21,2 °C.

Das Problem der Versiegelung
Die Ursache für diese städtischen Wärmeinseln liegt in der massiven Versiegelung. Natürliche Böden werden unter Asphalt, Beton und Pflastersteinen begraben. Wie massiv das Problem ist, zeigt der „Hitze-Check 2.0 in Deutschlands Städten 2025“ der Deutschen Umwelthilfe: Demnach sind in München 45,73 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche versiegelt. Unter den Millionenstädten ist nur Köln mit 49,72 Prozent noch stärker versiegelt, während Berlin (44,48 Prozent) und Hamburg (41,61 Prozent) besser dastehen.

Verschärft wird diese Situation dadurch, dass München gleichzeitig das geringste Grünvolumen unter den Millionenstädten aufweist. Auf einen Quadratmeter Fläche kommen hier nur 2,75 Kubikmeter dreidimensionales Grün (wie beispielsweise Baumkronen).

Diese künstliche Kruste wirkt doppelt fatal: Sie speichert tagsüber die Wärme und strahlt sie nachts wieder ab, und sie blockiert den natürlichen Wasserkreislauf. Regenwasser fließt oberflächlich in die Kanalisation ab, anstatt zu versickern. Dadurch kommt die natürliche Kühlung der Stadt zum Erliegen. Einerseits fehlt das Wasser im Boden, das verdunsten und die Luft abkühlen könnte. Andererseits dreht die Versiegelung unserer stärksten natürlichen Klimaanlage – den Stadtbäumen – den „Treibstoff“ ab. Ein Baum kann uns nur dann kühlen, wenn er Wasser aus dem Erdreich saugen und über die Blätter verdunsten kann. Ein etwa vier Meter hoher Baum erbringt so viel Kühlleistung wie zwei kleine Klimaanlagen. Unter der Krone alter, vitaler Bäume ist die Bodenoberfläche an heißen Tagen um durchschnittlich 12 °C kühler als auf einer unbeschatteten und versiegelten Fläche.

Entsiegelung
Ein konkreter Lösungsansatz ist dabei die Entsiegelung. Beton- oder Asphaltflächen werden aufgebrochen und der Boden wieder geöffnet, sodass Wasser und Luft in die Erde eindringen können. Diese Maßnahme hilft dabei, den natürlichen Wasserkreislauf wiederherzustellen. Versiegelte Flächen können auch in wasserdurchlässige, belastbare Flächen mit Pflastersteinen oder Kiesbedeckung umgewandelt werden.

Begrünung
Entsiegelung ist die Grundlage für die (erneute) Begrünung von Flächen durch blau-grüne Infrastruktur. Die grüne Infrastruktur umfasst Parks, Bäume und Stauden, aber auch Dach- und Fassadenbegrünungen. Die blaue Infrastruktur stellt die Wasserinfrastruktur sowie Versickerungs- und Rückhalteflächen dar.

Wirkung des Zusammenspiels von Entsiegelung und Begrünung

Jeder entsiegelte Quadratmeter hilft dabei und bringt entscheidende Vorteile für die Stadt und ihre Bewohnenden:

  • Hitzeschutz und Gebäudekühlung
    Durch die dichte Bebauung heizen sich Städte massiv auf. Dabei geht es nicht nur um die Außentemperatur, sondern auch um die Temperaturen in den Gebäuden. Hier greift die Natur als bestes Gegenmittel. Pflanzen spenden Schatten und senken die Boden- und Lufttemperatur. Die Umgebung wird durch die sogenannte Verdunstungskälte gekühlt. Begrünte Dächer und Fassaden wirken isolierend und können technische Klimaanlagen ersetzen und die Innenräume kühlen.
  • Der natürliche Wasserspeicher
    Entsiegelte und begrünte Flächen machen unsere Städte zu einem riesigen Schwamm – das sogenannte Schwammstadtprinzip. Gründächer, offene Böden und bepflanzte Beete saugen das Regenwasser direkt dort auf, wo es fällt, speichern es im Untergrund und geben es zeitverzögert wieder ab. Das gespeicherte Wasser steht den Pflanzen in Trockenphasen zur Verfügung und kann verdunsten, was wiederum maßgeblich zur Abkühlung der Stadtluft beiträgt.
    Sein volles Potenzial entfaltet dieser natürliche Regenspeicher bei Starkregen, ein Phänomen, das infolge des Klimawandels immer häufiger auftritt. Weil das Wasser wie von einem Schwamm aufgesaugt wird, anstatt oberflächlich auf dem Asphalt abzufließen, entlastet dies die städtische Kanalisation. Da die Kanalsysteme auf extreme Wassermassen meist gar nicht ausgelegt sind, schützt das Schwammstadtprinzip gleichzeitig vor überschwemmten Straßen und vollgelaufenen Kellern.
  • Luftqualität und CO2-Speicherung
    In Städten ist die Luftverschmutzung ein wesentlicher Stressfaktor, der uns krank machen kann. Stadtgrün wirkt dem aktiv entgegen und ist unser bester natürlicher Luftfilter. Wie genau funktioniert das? Bäume, begrünte Dächer und Fassaden verdunsten über ihre Blätter Wasser. Das ist entscheidend, denn dadurch wird die trockene Stadtluft wieder feuchter. Dieser Vorgang reinigt die Luft auf zwei Wegen: Einerseits bindet diese Feuchtigkeit den gefährlichen Feinstaub in der Luft und lässt ihn absinken, anstatt dass er ewig umherwirbelt. Andererseits wirken die rauen Blätter von Bäumen oder begrünten Fassaden wie ein riesiges, feuchtes Staubtuch. Sie fangen Schmutz und Abgase direkt aus der Umgebungsluft ab und filtern sie heraus.
    Wasser ist der Treibstoff für diese natürlichen Luftfilter. Das im Boden gespeicherte Wasser ist essenziell, denn nur eine gut gewässerte Pflanze öffnet ihre Poren, um CO2 einzuatmen und im Gegenzug Sauerstoff und kühlenden Wasserdampf auszustoßen. Ohne entsiegelte Böden gibt es keine gesunden Pflanzen. Und ohne Pflanzen keine saubere Luft und keine CO2-Speicherung.
  • Biodiversität
    Flächenentsiegelung und Bepflanzung leisten zudem einen direkten Beitrag zum Naturschutz in der Stadt. Werden entsiegelte Flächen mit passenden, vorzugsweise heimischen Pflanzen ausgestattet, entstehen dort wertvolle ökologische Nischen für beispielsweise Insekten und Vögel, was maßgeblich zum Erhalt der Artenvielfalt beiträgt.
  • Lebensqualität
    All diese Aspekte zusammen steigern unsere Lebensqualität enorm. Sie wirken nachweislich stressmindernd und schaffen unverzichtbare, grüne Räume für Erholung, Sport und soziale Interaktion in der Nachbarschaft.

Der Umbau von einer grauen zu einer grünen Stadt ist heute keine Frage der Optik mehr, sondern eine absolute Notwendigkeit für unsere Gesundheit und Sicherheit. Die gute Nachricht lautet: Jeder Quadratmeter zählt. Du musst nicht darauf warten, dass andere handeln, sondern kannst selbst aktiv werden, um Dein direktes Umfeld zu entsiegeln und zu begrünen.

Entsiegelung starten – Deine Möglichkeiten

Die Entsiegelung von Bodenflächen ermöglicht, dass Wasser auf natürliche Weise versickert, Grundwasserspeicher aufgefüllt und Überflutungen vermieden werden. Versiegelte Flächen können in wasserdurchlässige Bereiche mit Pflastersteinen oder Kiesbedeckung umgewandelt oder direkt mit Grasflächen, Sträuchern und Bäumen begrünt werden.
Ob und wie Du entsiegeln kannst, hängt von Deiner Situation ab:

  • Als Eigentümer*in:
    Gehört Dir die gesamte Fläche, kannst Du die Entsiegelung eigenständig angehen.
  • Als Mieter*in:
    Du darfst Dein Zuhause nur in Absprache dauerhaft entsiegeln und begrünen. Suche die Zustimmung der Eigentümer*innen, der Architekt*innen sowie der Nachbar*innen. Wenn mehrere engagierte Mieter*innen im Haus wohnen, lohnt es sich, eine Arbeitsgemeinschaft zu gründen.
  • Als Unternehmen:
    Als Unternehmen kannst Du durch Entsiegelungsmaßnahmen Deine Immobilien deutlich aufwerten. Beziehe Deine Mitarbeiter*innen ein und nutze die Begrünung als Marketinginstrument, um Dein Unternehmen umweltbewusst und nachhaltig zu präsentieren.
  • Auf öffentlichen Flächen:
    In München ist die Entsiegelung öffentlicher Flächen grundsätzlich möglich und wird gefördert. Wichtig ist eine sorgfältige Planung und Abstimmung. Zuständig sind in der Regel das Baureferat oder das Referat für Stadtplanung und Bauordnung.

Was Du bei der Planung bedenken solltest

Wenn Du Dein Grundstück entsiegeln möchtest, identifiziere zunächst geeignete Flächen und berücksichtige die Kosten für Umsetzung und Pflege. Folgende Punkte sind entscheidend:

  • Standortbeschaffenheit:
    Es muss geklärt werden, auf welchem Untergrund entsiegelt wird. Je nach Untergrund sind unterschiedliche Werkzeuge nötig.
  • Bodenbeschaffenheit:
    Nach der Entsiegelung müssen Schutt und Müll entfernt, ein Drainagesystem angelegt und Nährstoffe eingearbeitet werden.
  • Pflanzenauswahl:
    Es müssen Pflanzen gewählt werden, die für den Standort geeignet sind und dort gedeihen.
  • Bewässerung:
    Regelmäßige Bewässerung ist überlebenswichtig. Am nachhaltigsten ist gespeichertes Regenwasser, beispielsweise aus einer Zisterne.
  • Pflege:
    Eine regelmäßige Pflege ist notwendig, um die Gesundheit der Pflanzen aufrechtzuerhalten.

Du möchtest die Sache in die Hand nehmen? Wir helfen Dir dabei.

Das Projekt Abpflastern von Green City unterstützt Dich mit fachkundigen Anregungen und Hinweisen sowohl praktisch bei der Umsetzung der Entsiegelung als auch bei der anschließenden Begrünung. Jeder Quadratmeter zählt.

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Schritt-für-Schritt-Anleitung

  • Schritt 1:
    Analysiere Deine Bedürfnisse und Deinen Standort, um festzustellen, welche Art von Entsiegelung am besten geeignet ist (siehe Planungstipps oben).
  • Schritt 2:
    Wenn Du Unterstützung durch Green City benötigst, kontaktiere uns mit einer Beschreibung Deines Projekts, Informationen und Fotos des Standorts sowie Deinen Kontaktdaten.
  • Schritt 3:
    Zunächst analysieren Expert*innen unseres Teams zusammen mit Dir die Bedingungen vor Ort, schlagen eine passende Bepflanzung vor und stellen Pflanzenmaterial bereit.
  • Schritt 4:
    Gegebenenfalls führen wir dann gemeinsam die Entsiegelung und Bepflanzung durch. Dafür vereinbaren wir einen Termin und kommen zur Fläche mit Werkzeug, Erde und Pflanzen.
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Weitere Unterstützung und Netzwerke

Mehr Informationen über Begrünung findest Du beim Begrünungsbüro von Green City e.V., das Dich zu Anpassungsmaßnahmen an Klimaveränderungen im Münchner Stadtgebiet berät.

Begrünungsbüro

Alternativ kannst Du auch mit Fachleuten wie Landschaftsarchitekt*innen oder Gärtner*innen zusammenarbeiten. Zudem kannst Du Dich bei Deiner Entsiegelung von der Stadt München im Rahmen des Förderprogramms „Begrünung“ finanziell unterstützen lassen.

Kontakt

Florian Ramsauer(er/ihm)
Finanzen, Controlling & Öffentlicher Raum
+49 89 890 668 – 338

Fördernde

Logo Lovar Stiftung für Umweltschutz
Logo Patagonia

Dieses Projekt verfolgt folgende SDGs

SDG 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden
SDG 13: Maßnahmen zum Klimaschutz
Bildnachweise

3: © Wikitarisch, CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en), via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leipartstrasse_(Munich).jpg), bearbeitet: Bild zugeschnitten

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